Dienstag, 14. Februar 2012

Die tragische Geschichte von den drei ungehorsamen Kindern

Immer wieder, wenn es Sommer wird, und die Sonne die Menschen in die Freibäder treibt, zieht zugleich eine große Gefahr, besonders für ungehorsame Kinder, herauf wie heimtückische Gewitter von Westen ...



Es war einmal ein Land, darin lebten drei sich völlig fremde Familien mit jeweils einem Kind.
Die erste Familie setzte sich zusammen aus einer alten Mutter, die plötzlich und unerwartet doch noch schwanger wurde und ein ungehorsames Kind gebar, einem jungen Vater und einem ungehorsamen Kind.
Die zweite Familie setzte sich zusammen aus einer mittelalten Mutter, die nach drei Fehlgeburten wie geplant schwanger wurde und ein ungehorsames Kind gebar, einem mittelalten Vater und einem ungehorsamen Kind.
Die dritte Familie setzte sich zusammen aus einer jungen Mutter, die sehr schnell schwanger wurde und ein ungehorsames Kind gebar, einem steinalten Vater mit salmonellenverseuchten alten Eiern und einem ungehorsamen Kind.
Die Eltern der ersten Familie waren sehr glücklich über ihr Kind, empfanden sie es doch als eine Art späte Gnade, und beschenkten es mit allerlei abscheulichem Plastikzeuch, das im Einzelnen aufzulisten ich an dieser Stelle nicht die geringste Lust verspüre. Nur ein Mitbringsel des stolzen jungen Vaters sei erwähnt. Es handelte sich um ein Kinderbuch mit Oskar, dem niedlichen Pottwal.
Die Eltern der zweiten Familie waren sehr glücklich über ihr Kind, empfanden sie es doch als großes Wunder, und beschenkten es mit allerlei abscheulichem Plastikzeuch, das im Einzelnen aufzulisten ich an dieser Stelle nicht die geringste Lust verspüre. Nur ein Mitbringsel des stolzen mittelalten Vaters sei erwähnt. Es handelte sich um ein Kinderbuch mit Lars, dem niedlichen Eisbären.
Die Eltern der dritten Familie waren sehr glücklich über ihr Kind, empfanden sie es doch als große Hexerei, und beschenkten es mit allerlei abscheulichem Plastikzeuch, das im Einzelnen aufzulisten ich an dieser Stelle nicht die geringste Lust verspüre. Nur ein Mitbringsel des stolzen alten Vaters sei erwähnt. Es handelte sich um ein Kinderbuch mit Gerd, dem niedlichen Erdmännchen.
An einem außergewöhnlich heißen Tag im Juni führte das Schicksal die drei Familien auf dem der Liegewiese angegliederten Spielplatz des Freibades St. Florian zusammen. Dort gab es nämlich drei Federwippen in Pottwal-, Eisbären- und Erdmännchendesign. Die drei inzwischen sechs Jahre alten Kinder kletterten auf die Wippen und schaukelten dermaßen wild und ungestüm, dass die in großer Sorge herbeistürzenden Eltern sich nur noch ansehen konnten, wie die drei kleinen Racker von ihren Wippen rutschten und durch den Sand purzelten.
Aber alles ging noch mal gut, und die Eltern, die sich inzwischen bekannt gemacht hatten, beschlossen, den Kindern eine kleine Abkühlung im Nichtschwimmerbecken zu verschaffen. Man legte ihnen also Schwimmärmchen an, und schon ging die Planscherei los. Aller mahnenden Worte der Eltern zum Trotz trieben die ungehorsamen Kinder hinaus aufs offene Meer, womit prinzipiell nicht zu rechnen war.
Etwa 500 Meilen nördlich der Azoren wurde das Kind der ersten Familie von einer starken Strömung erfasst und in Richtung Südwesten abgetrieben. Schnell winkte es den Kameraden zum Abschied noch mal zu, wobei seine orangefarbenen Schwimmärmchen in der milden Abendsonne leuchteten. Dann bekam das Kind es mit der Angst zu tun. Verständlich, wie ich finde, war es doch von nun an völlig auf sich allein gestellt. Um sich etwas abzulenken, las es ein wenig in seinem Buch vom niedlichen Pottwal.
Kurz vor Trinidad-Tobago sichtete das Kind, das inzwischen nass war bis auf die Knochen, einen realen Pottwal. „Gerettet“, jubilierte es und machte sich dran, auf den Pottwal zu klettern, um ein wenig auf ihm zu wippen. Dieser verwechselte das Kind dummerweise mit der Tentakel eines Tintenfischs. Seine Überreste wurden später bei einer wissenschaftlichen Untersuchung im Magen des niedlichen Wals wiedergefunden.
Was ist jedoch aus den beiden anderen Kindern geworden? Sie trieben gelangweilt im Atlantik herum, als das Kind der zweiten Familie jäh von einer starken Strömung erfasst und in Richtung Nordost abgetrieben wurde. Schnell winkte es dem verbliebenen Kameraden zum Abschied noch mal zu, wobei seine gelben Schwimmärmchen in der untergehenden Sonne leuchteten. Dann bekam das Kind es mit der Angst zu tun. Verständlich, wie ich finde, war es doch von nun an völlig auf sich allein gestellt. Um sich etwas abzulenken, las es ein wenig in seinem Buch vom niedlichen Eisbären.
Eine weitere schnelle Strömung trieb das Kind weit durch das Europäische Nordmeer hindurch geradewegs nach Spitzbergen, wo es - auf einer Eisscholle hüpfend - mit seinen gelben Schwimmärmchen einen witzigen Anblick bot. Plötzlich entdeckte das Kind einen realen Eisbären. Gerettet, dachte es und wollte sich im dichten Fell des niedlichen Tieres ein wenig wärmen, um es danach für einen kleinen Ritt zu besteigen. Auf einmal kriegte es dermaßen eine gescheuert, dass es in drei oder vier belanglose Einzelteile zerfiel, die der Eisbär sogleich zu sich nahm.
Was aber ist aus dem Kind der dritten Familie geworden? Es geriet in einen Orkan, der es in südliche Richtungen blies, an den Kanaren vorbei, bis nach Südafrika. Seine roten Schwimmärmchen bildeten dabei leuchtende Farbtupfer in der Gischt. Um sich etwas von der verständlichen Angst abzulenken, las es ein wenig in seinem Buch vom niedlichen Erdmännchen. Völlig durchnässt krabbelte es schließlich 250 Meilen nördlich von Kapstadt, in der Nähe des Städtchens Bitterfontein, an Land. Von dort aus spazierte es los Richtung Landesinnere, bis es nach 300 Meilen auf eine Kolonie realer Erdmännchen stieß, „endlich gerettet“ jubelte und sich Hoffnungen machte auf einen kleinen Ritt.
Reale Erdmännchen ernähren sich hauptsächlich von Insekten und Spinnen, verschmähen dennoch keineswegs Reptilien oder kleine Säuger. Aus biologischer Sicht, aber auch aus Sicht der Erdmännchen, war das Kind ein kleiner Säuger...
Was jedoch ist aus den verwaisten Eltern geworden? Nun. Alle sechs saßen sie am Abend des dramatischen Tages vorm Rechner und erfuhren über Google von dem Schicksal ihrer Kinder. Darob gerieten sie so in Betrübnis, dass sie gar nichts mehr essen konnten außer Licht. Was den Vorteil hat, dass durch nur zweimaliges Betätigen des Lichtschalters eine komplette Mahlzeit aufgetragen und wieder abgeräumt werden kann.

Samstag, 3. September 2011

Das Mädchen mit dem Körbchen

Schicke ein paar Zeilen an njerion@gmail.com
-->
Es war einmal ein ganz kleines Mädchen. Und wie alle kleinen Mädchen, und überhaupt alle Kinder dieser Welt, trug es über dem Arm ein kleines Körbchen. Dieses kleine Körbchen war dazu bestimmt, aufgefüllt zu werden. Ja, das Körbchen wollte gefüllt werden. Mit nichts als mit Liebe wollte es gefüllt werden, randvoll. Mit Liebe zum groß und stark werden. Und an den Eltern des Mädchens war es, alle Liebe dieser Welt in dieses kleine Körbchen zu legen. Und sie legten etwas hinein, immer wieder. Jeden Tag legten sie etwas hinein. Doch wenn das Mädchen in das Körbchen hineinblickte, sah es nichts. Und so ging es immer weiter. Die Eltern gaben etwas hinein, doch das Körbchen blieb leer.


Das Mädchen wuchs heran und gewann jeden Tag an Schönheit. Und als es endlich erwachsen war und in das Alter kam, in dem die starken Kinder dieser Welt das gefüllte Körbchen ihrer Kindheit für immer aus der Hand geben, um ab nun selbst Körbchen mit Liebe zu füllen, trug unser kleines Mädchen weiter sein leeres Körbchen und merkte nicht, wie schwer es an seinem Körbchen trug. Es trug sein leeres Körbchen hinaus in die Welt und streckte es jedem Menschen entgegen, dem es begegnete, damit er Liebe hineintäte. Manche legten wirklich etwas hinein, doch wenn das Mädchen hoffnungsfroh in sein Körbchen spähte, erblickte es nichts. Das Körbchen blieb leer.


Andere, denen das Mädchen sein Körbchen entgegen hob, wollten etwas herausnehmen aus ihm, zogen und zerrten daran und wurden böse, wenn sie nichts darin fanden. Denn auch sie trugen das leere Körbchen ihrer Kindheit noch immer über dem Arm. Das verwirrte das Mädchen, und es ward unglücklich in allem, was es tat, und spürte keine Zufriedenheit. Es fühlte nur eine große Leere – und diese kam aus dem Körbchen.


Eines Tages zog sich das Mädchen aus lauter Hilflosigkeit zurück von der Welt und verfiel in eine große Trübsal, die sich schon bald in eine Große Wut verwandelte. Es war eine Wut, in der sich all sein Schmerz, seine Ohnmacht, Verwirrung und Angst drängte. Aber gleichzeitig verbarg sich auch alle Liebe dieser Welt in dieser Großen Wut. Wütend warf es das Körbchen gegen die Wand, und wütend wollte es nichts mehr mit ihm zu schaffen haben. Auf dem Fußboden lag nun das zerzauste Körbchen herum und bot einen elenden Anblick. Nein, sagte sich das wütende Mädchen, mit diesem Körbchen will ich nichts mehr zu tun haben, und schloss es wütend weg in ein dunkles Kämmerlein.


Dann ging es wütend fort von der Trübsal, schritt wieder hinaus in die Welt und gewahrte plötzlich so viele Körbchen über den Armen vieler, vieler Menschen. Und es blickte hinein in sie – und sah nichts. Traurig forschte das Mädchen in den traurigen Augen dieser Menschen. Dann lächelte es. Und die Menschen lächelten zurück. Schade, dachte das Mädchen bei sich, ich habe nichts zum Hineintun in all diese Körbchen. Dann lächelte es stattdessen hinein in all die traurigen Augen und ging schließlich traurig, aber auf wohltuende Art versöhnt mit der Welt nach Hause.


Dort angekommen, sank es sogleich in sein Bett. Seine leuchtenden Augen schlossen sich wie Vorhänge nach frohem Theaterspiel, und Furcht und Schmerz perlten aus seinem Herzen. Ein wunderlichter Mond erhob sich über der Erde, glitt sanft durch die funkelnde Schwärze des Himmels und warf seinen Glanz durch ein winziges Fenster in die kleine Kammer. Dort stand es noch immer, das zerzauste Körbchen. Im stillen Mondenschein stand es und war randvoll.